Gazebo Dances (1972)
John Corigliano (*1938)
Ein Sommerabend, irgendwo auf dem Land. Menschen kommen zusammen, eine Band spielt im Pavillon – und für einen Moment wird der Dorfplatz zum Tanzboden. Solche amerikanischen „gazebos“, kleine Musikpavillons auf öffentlichen Plätzen, inspirierten zum Titel von John Coriglianos Gazebo Dances. Dabei begann das Werk ursprünglich ganz anders: 1972 schrieb Corigliano die vier Stücke für Klavier zu vier Händen und widmete jeden Satz Menschen aus seinem Freundes- und Familienkreis. Später übertrug er die Suite selbst auf Sinfonieorchester und Blasorchester.
Vier Tänze, vier Charaktere: Eine temperamentvolle, an Rossini erinnernde Ouvertüre eröffnet die Suite. Es folgt ein Walzer, der allerdings ein wenig aus dem Tritt geraten scheint – Corigliano selbst bezeichnet ihn augenzwinkernd als „peg-legged“, hinkend. Das Adagio hält die Bewegung an und spannt einen langen, lyrischen Bogen, bevor die Tarantella alles wieder beschleunigt und die Suite mit federnder Energie ins Ziel bringt.
So entsteht Musik, die Tradition nicht ehrfürchtig ins Museum stellt, sondern mit ihr spielt. Bekanntes gerät leicht aus der Balance, Ernst und Humor liegen dicht nebeneinander. Vielleicht liegt genau darin der Charme dieser Dances: Man kennt die Schritte – und wird trotzdem immer wieder überrascht.
Philomena bittet zum Tanz (2026)
Stephan Hodel (*1973)
Uraufführung / Auftragskomposition des Sinfonischen Blasorchesters aulos
Manchmal beginnt Musik mit einer Erinnerung. Mit dem Klang einer Handorgel, einem Rhythmus, der im Körper hängen bleibt, oder einer Musik, die plötzlich die Tür zu einer neuen Welt öffnet.
In Philomena bittet zum Tanz folgt Stephan Hodel solchen Spuren seiner eigenen musikalischen Biografie. Da ist die Volksmusik seines Grossvaters, der auf der Handorgel aus dem Stegreif spielte. Da sind Blood, Sweat & Tears, die Hodel als Teenager für sich entdeckte. Und da ist der Jazz, den er später am Berklee College of Music in Boston studierte. Aus diesen zunächst weit auseinanderliegenden Welten entwickelte sich nach und nach seine eigene musikalische Sprache.
Im neuen Werk treffen diese Erinnerungen nun unmittelbar aufeinander: Ein Ländler begegnet Jazz-Rock, zeitgenössischer Big-Band-Jazz sinfonischen Klangwelten. Die verschiedenen Tanzformen stehen sich gegenüber, verbinden sich, reiben sich aneinander – und werden dabei manchmal zu etwas ganz Neuem. Zusammengehalten werden sie vom Rhythmus: unmittelbar, erdig und körperlich.
Und Philomena? Vielleicht ist sie weniger eine konkrete Figur als eine imaginäre Begleiterin, die durch diese verschiedenen musikalischen Welten führt. Sie bittet zum Tanz – und bringt dabei Klänge zusammen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.
So wird Philomena bittet zum Tanz zu einem sehr persönlichen Werk über die Musik, die uns prägt und die wir mit uns tragen. Oder, wie Hodel selbst es beschreibt: zu dem Versuch, seine musikalischen Erinnerungen für einen Moment gemeinsam auf die Tanzfläche zu schicken. Das Werk entstand im Frühjahr und Sommer 2026 als Auftragskomposition des Sinfonischen Blasorchesters aulos und erlebt bei Symphonic Dances seine Uraufführung.
Daphnis et Chloé, Suite No. 2 (1913)
Maurice Ravel (1875–1937)
arr. Naohiro Takahashi (*1960)
Wie klingt der Moment, in dem es langsam hell wird? Maurice Ravel braucht dafür keine Worte. Am Anfang seiner zweiten Suite aus Daphnis et Chloé scheint die Musik beinahe aus dem Nichts zu entstehen. Vogelrufe werden hörbar, Wasser scheint zu rauschen, Klangfarben beginnen zu schimmern. Immer heller und dichter wird die Musik, bis der neue Tag schliesslich in voller Pracht vor uns steht.
Die Musik stammt aus Ravels Ballett Daphnis et Chloé, das Sergej Diaghilew für seine berühmten Ballets Russes in Auftrag gegeben hatte. Grundlage ist eine antike Liebesgeschichte: Daphnis und Chloé finden zueinander, werden getrennt, geraten in Gefahr und finden schliesslich wieder zusammen. Die zweite Suite übernimmt das vollständige Schlussbild des Balletts und verbindet drei Abschnitte ohne Unterbrechung: Lever du jour – Pantomime – Danse générale.
Nach dem Sonnenaufgang erzählen Daphnis und Chloé in einer Pantomime die Geschichte des Gottes Pan und der Nymphe Syrinx. Besonders die Flöte tritt dabei hervor. Schliesslich bricht die Danse générale los: ein ausgelassener gemeinsamer Tanz im ungewöhnlichen 5/4-Takt, der sich immer weiter aufschaukelt.
Ravel komponiert dabei beinahe mit Licht und Farbe. Einzelne Instrumente treten hervor und verschwinden wieder, Klangflächen verändern sich wie Landschaften unter wechselndem Licht. Aus der Stille des Morgens entsteht Schritt für Schritt ein kollektiver Taumel. Vom ersten Vogelruf bis zum Rausch: Musik wird Bewegung.
Pause – 20 Minuten
Le Sacre du printemps (1913)
Igor Stravinsky (1882–1971)
arr. Merlin Patterson (*1959)
Ein Konzert, bei dem das Publikum so ausser sich gerät, dass die Musik zeitweise kaum noch zu hören ist: Kaum eine Uraufführung der Musikgeschichte ist so legendär geworden wie die von Igor Strawinskys Le Sacre du printemps am 29. Mai 1913 im Pariser Théâtre des Champs-Élysées. Die Ballets Russes tanzten, Pierre Monteux dirigierte – im Saal wurde gelacht, gepfiffen, geschrien und gestritten.
Mehr als hundert Jahre später hat Le Sacre seine Fähigkeit zu verstören zwar teilweise verloren. Seine körperliche Kraft aber kaum.
Schon der Anfang stellt Gewohntes auf den Kopf: Ein Fagott spielt in ungewöhnlich hoher Lage eine Melodie, die auf einem litauischen Volkslied basiert. Weitere Stimmen kommen hinzu, bis sich das Geflecht verdichtet. Dann übernimmt der Rhythmus die Kontrolle. Akkorde werden wie Schläge wiederholt, Akzente tauchen dort auf, wo man sie nicht erwartet, Taktarten wechseln – der sichere Boden eines regelmässigen Pulses scheint immer wieder weggezogen zu werden.
Das Ballett entwirft eine archaische Welt rund um Frühlingsrituale und Opfer. Entsprechend ist Tanz hier weit entfernt von Eleganz oder Leichtigkeit. Er wird zu etwas Elementarem: stampfen, springen, wiederholen, beschleunigen. Strawinsky machte den Rhythmus selbst zum Ereignis.
Dass diese Musik später sogar stampfende Dinosaurier in Disneys Fantasia begleiten sollte, ist fast zu passend: Le Sacre hat längst den Konzertsaal verlassen und Spuren in Film, Tanz und Popkultur hinterlassen.
Und vielleicht ist genau das der beste Zugang zu diesem Stück: Man muss nicht jede Taktverschiebung verstehen. Man darf sich von ihm einfach treffen lassen.
