30 Jahre aulos - Konzertprogramm 2019

 

Fabian Künzli (*1984)  - Prism (Auftragskomposition)

John Mackey (*1973) - Harvest - Concerto for Trombone

Solist: David Rufer (Posaune)

Benedikt Hayoz (*1984) - Recycling (Auftragskomposition)

Daniel Schnyder (*1961) - The Elephant (Auftragskomposition)

José Suñer-Oriola (*1964) - "AULOS SYMPHONY" - Fourth Symphony(Auftragskomposition)

 

Änderungen vorbehalten

Programmheft

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Prism

In «Prism» erklingen zwei musikalische Themen: Ein schnelles, unruhiges Thema am Anfang und Ende und ein eher lyrisches Thema im Zentrum des Stücks. Liedhafte Formteile stellen also die Basis dieser Komposition dar. Es geht mir dabei aber nicht um eine Polarität zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren, sondern vielmehr um Verwandlung. «Prism» ist prozesshaft organisiert. Metamorphosen spielen eine wesentliche Rolle, aus einer Idee wächst eine andere hervor, Motive erklingen in neuer Gestalt und Neues entsteht. Ein optisches Prisma (Engl. «Prism») dekomponiert das Licht: Es zerlegt weisses Licht in seine Einzelteile und lässt es in allen Regenbogenfarben auf neue Art sichtbar werden. In meiner Komposition habe ich dieses Prinzip der Refraktion aufgegriffen und mich suchend auf diesen Weg begeben. Ich habe meine musikalischen Gedanken aufgefächert, zerlegt und genauer unter die Lupe genommen. Dabei habe ich die latenten Verwandtschaften der zugrunde liegenden Themen versucht von verschiedenen Seiten zu beleuchten und gleichsam eine Einheit über das ganze Stück hinweg zu schaffen. Als Besonderheit erwähnen möchte ich die stellenweise mikrotonale Tonhöhenorganisation. Zu Beginn trägt das Klavier das erste Thema vor – in temperierter Stimmung. Die Obertonreihe und die damit verbundene reine Stimmung spielen für den späteren Verlauf der Komposition eine wichtige Rolle. Die Musik wird durch das Prisma gewissermassen aufgebrochen und erklingt zunehmend in unterschiedlichen Farben und Schattierungen. Was vielleicht im ersten Moment ungewohnt und «verstimmt» klingt, weil es vom gleichstufigen Tonsystem abweicht, wurzelt im Grunde in der Natur der Sache, in der reinen Stimmung. (Fabian Künzli)

Harvest - Concerto for Trombone

«Harvest – Concerto for Trombone» basiert auf den Mythen und geheimnisvollen Ritualen rund um den griechischen Gott Dionysus. Als Gott des Weines ist Dionysus bekannt für die Anregung von Ekstase und Kreativität. Der erdwandelnde Gott wurde alljährlich Teil eines Zyklus mit einem qualvollen Tod und einer anschliessenden glorreichen Wiedergeburt, ähnlich dem rauen Zurechtschneiden der Weinreben und den langen Wintern, den diese aushalten müssen, bevor sie im Frühling wieder blühen. Die Sätze des Werkes versuchen, diese zwei Seiten der Natur und den Zyklus von Leiden und Rückkehr zu beschreiben. Das Konzert ist in drei miteinander verbundene Abschnitte unterteilt und dauert rund 18 Minuten. Der erste Abschnitt beginnt mit einer langsamen Einleitung mit stark ritueller Perkussion, welche die Zusammenkunft von Dionysus’ Verehrern repräsentiert. Die Zeremonie selbst wird intensiver. Dionysus (welcher durch die Solo-Posaune dargestellt wird) ist im Austausch mit seinen Anhängern, von welchen einige zu einem ekstatischen Aufschrei getrieben werden – beinahe ein «Zungenreden» - repräsentiert durch die beharrlichen Triller der Holzbläser. Als Dionysus zu einem sanfteren Ton übergeht, folgen ihm seine fieberhaften Anhänger nicht. Ihr Eifer überkommt sie, und sie zerstören ihren Gott in einem Anfall aus ritueller Verrücktheit. Im Anschluss an dieses brutale Opfer der ekstatischen Anhänger – das Zurückschneiden der Reben – folgt direkt und ohne Pause der zweite Abschnitt. Er zeigt Dionysus in der Stille des Todes, beziehungsweise des Winters. Der Gott ist weit entfernt, die Musik wie ein Gebet. Im finalen Teil, welcher ebenfalls ohne Pause folgt, bricht das Grün des Frühlings aus. Die Erde wird wiedergeboren, als Dionysus aufersteht. Die Ekstase und die Freiheit, die seit Jahrhunderten in seinem Namen gefeiert werden, kehren zurück. «Harvest – Concerto for Trombone» ist Joseph Alessi gewidmet.

Recycling

Wir recyceln heute fast alles. Wir sind in der Schweiz sogar Weltmeister im Alu-Dosen recyceln. Auch mit Musik verhält es sich ähnlich. Visuelles wird seit jeher gerne mit Musik unterlegt. Dank der fortschreitenden Digitalisierung haben wir heute jederzeit Zugriff auf alle nur denkbaren Arten von Musik und in einer Menge, welche die menschliche Wahrnehmung übersteigt. Unsere Wahrnehmung wird dadurch aber auch verändert. Musikhören wird im Netz mehr zu einem Reinhören. Kurze Sequenzen werden bevorzugt. Am besten nur Ausschnitte, dafür von vielen Stücken. Selbst drei Minuten Musikhören auf Youtube kommen mir manchmal wie eine Ewigkeit vor. Andererseits wird das Konzert dadurch zu einem besonderen Moment. Da nehmen wir uns Zeit und lassen uns treiben. Diese Gedanken beschäftigen mich seit längerem. In «Recycling» versuche ich, dem künstlerisch nachzugehen, indem ich viele bereits existierende Musik als Material verwende, um etwas Neues zu schaffen. Musik, die ich mag und die mich begeistert. Sehr kurze und auch längere Ausschnitte werden neu arrangiert und bearbeitet und in eine neue musikalische Form gegossen. So erkennt man das originale Material mal mehr, mal weniger oder zum Teil gar nicht mehr. Das Stück «Recycling» geht der Frage nach, inwieweit viele unterschiedliche Musikstile und Charaktere in einem musikalischen Ablauf zusammengeführt werden können, welcher wiederum als Einheit wahrnehmbar ist. Was bleibt von der Musik, wenn wir uns durchklicken? Das Stück hat zwei Sätze, welche sich auf unterschiedliche Art mit dieser Thematik beschäftigen. Ein Erster, welcher die Geschwindigkeit der Digitalisierung aufnimmt und ein Zweiter kontrastierender, der sich mit der Gleichzeitigkeit aller Musik beschäftigt und in gewisser Weise auch ein Plädoyer für das Konzert ist. (Benedikt Hayoz)

The Elephant

Wieso heisst das Stück «The Elephant»?

Die einfachste Antwort ist: das Stück hört auf dem Ton E auf, also mit dem Buchstaben, mit dem das Wort «Elefant» anfängt. Am Anfang stand also nicht das Wort, sondern die Musik, wie es Tolkien und Schopenhauer so gut beschrieben haben. Ergo stand auch bei Daniel Schnyder zuerst die Musik und dann der Titel. Weitere Gründe für die Namensgebung sind, dass die tiefen Instrumente in «The Elephant» stark zur Geltung kommen und dass die etwas urwaldhafte Rhythmussprache eine exotische Stimmung schafft.

Was macht die Komposition speziell in der Landschaft der Blasmusikkompositionen und was sind die Anforderungen an «The Elephant»?

«The Elephant» ist rhythmisch schwierig. Man muss den Groove verstehen und fühlen. Auf der anderen Seite müssen die Musiker auch die Dynamik und Agogik umsetzen. Es ist schwierig, diese beiden Anforderungen gleichzeitig zu erfüllen – oft gelingt das eine oder das andere, fast nie beides. Daniel Schnyder hat einen Perkussions-Part geschrieben, der einem Jazz-Drummer, über den auch das aulos verfügt, gut liegt. Der Part ist beeinflusst von Alphonse Mouzon, der in den Siebzigerjahren ähnliche Projekte mit McCoy Tyner realisiert hat, beispielsweise «Song of the New World». Da hört man auch viel tiefes Blech, das eine urwaldhafte Stimmung verbreitet. Die Musik beinhaltet eine Rhythmik, die sowohl afrikanische als auch lateinamerikanische Wurzeln hat.

Dann ist «The Elephant» also uneuropäisch?

Ganz und gar nicht. Das Tier kommt zwar in Europa nicht vor, aber schon Hannibal ist mit Elefanten nach Rom vorgedrungen, und Alexander der Grosse, der wohl beste europäische Feldherr aller Zeiten, musste gegen Poros und seine Elefanten kämpfen. Ich denke, die Geschichte des Elefanten und diejenige Europas sind stark verbunden. Man denke nur an die Elfenbeintasten der alten Klaviere. Der Elefant ist ausserdem das «blasinstrumentenhafteste » Tier. Er trötet und wird daher sicher mehr mit Blechinstrumenten assoziiert als mit Geigen. Die Tierwahl passt also gut zum Blasorchester. Und: Im Blasorchester gibt es kein Porzellan. Der Elefant darf auch etwas trampeln! (Daniel Schnyder)

«AULOS SYMPHONY» - Fourth Symphony

Die «AULOS SYMPHONY» weist eine klassische viersätzige Struktur auf. Der erste Satz basiert auf dem Thema, welches die einzelnen Buchstaben des Titels bilden: AULOS, also A – Ut (französische Tonbezeichnung für Do/C) – La (französisch für A) – Do – Sol/Si (G/H) oder, in deutscher Tonbezeichnung, A – C – A – C – G/H). Das erste Thema ist die Folge A – C – As – Cis – G, danach taucht das Motiv in verschiedenen Kombinationen und Themen auf. Es repräsentiert im ersten Satz die konzeptionelle Geburt und anschliessende Entwicklung des Orchesters. Mit seiner Form «Lento – Allegro – Lento – Allegro» führt dieser Satz zu einer Verschmelzung von Impressionismus und Post-Romantik. Der zweite Satz «Allegro» beschreibt die starke Hingabe und die Erschaffung von Ideen, die die weitere Entwicklung anregen. Der dritte Satz «Lento – Andante» ruft die Feinfühligkeit hervor, die man bei der Austragung solcher Projekte wie dem aulos erlebt. Der letzte Satz «Allegro Moderato – Poco meno mosso ma giocoso – Con spirit – Tempo primo» widmet sich schliesslich ganz dem festlichen Aspekt des Jubiläums, für welches das Werk geschrieben wurde. Er nimmt das Thema aus dem ersten Satz wieder auf und nimmt in der Instrumentierung Bezug auf Richard Strauss, Claude Debussy und ein traditionelles Schweizer Lied. (José Suñer-Oriola, übersetzt von Michael Stucki)